Sonntag, 14. Oktober 2012

Hunting for Witches

Früher jagte ihn die Konkurrenz durch französische Berglandschaften, heute jagt ihn die USADA (United States Anti-Doping Agency). Doch anders als früher, konnte er seinen Gegnern dieses Mal nicht davonfahren, diesmal nicht. Dieses Mal haben sie ihn zur Strecke gebracht. Die Rede ist natürlich von der Radsportlegende Lance Armstrong.

Der siebenmalige Tour-Sieger hat offenbar jahrelang exzessiv und systematisch Doping betrieben. Ach wirklich? Das ist ja schockierend! – Leider kann ich meine Empörung nicht gebührend zum Ausdruck bringen. Den Medien gelingt es irgendwie besser, sich künstlich zu echauffieren und die Verbrennung der Hexe zu fordern.

Aber ehrlich gesagt, ist es doch wenig überraschend und damit auch alles andere als skandalös. Doping im Spitzensport war und ist leider allgegenwärtig, vermutlich gar alltäglich. In der Leichtathletik stehen immer wieder Weltklasseathleten oder gar ganze Nationen im Verdacht, systematisch zu dopen. Es ist bekannt, dass Sportler der DDR, der Sowjetunion und auch der USA bei ihren Spitzenleistungen gedopt waren und dabei von Funktionären der Verbände unterstützt wurden.

Der Radsport ist in Sachen Doping da keine Ausnahme. Vielmehr ist er die Speerspitze. Sozusagen die Gourmet-Dopingküche des Sports. Nicht umsonst „leidet“ ein Großteil der Radprofis angeblich an Asthma. Zur Behandlung ist nämlich der Einsatz von Cortison und Steroiden legitim. Beides sind leistungssteigernde Substanzen.

In den drei Jahren bevor Lance Armstrong zum Tour-Dominator und Seriensieger avancierte, trugen sich Bjarne Riis, Jan Ullrich und Marco Pantani in die Liste der Titelträger ein. Alle drei wurden mittlerweile des Dopings überführt. Nach Armstrongs Rücktritt siegten unter anderem Alberto Contador und Floyd Landis bei der Tour de France. Beiden wurden die Triumphe nachträglich aberkannt.

Weitere Spitzenfahrer wie Fränk Schleck und Alexander Winokurow erhielten ebenfalls Dopingsperren. Letztgenannter gewann übrigens bei den diesjährigen Olympischen Spielen in London – mit stolzen 38 Lenzen – völlig überraschend das Straßenradrennen. Auch im deutschen Radstall Team Telekom, um die Spitzenfahrer Jan Ullrich und Eric Zabel, war Doping in den 90er Jahren nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Die Annahme, dass sich überhaupt jemand in der Weltspitze des Radsports behaupten kann, ohne auf illegale Substanzen und Praktiken zurückzugreifen, scheint schlichtweg utopisch und naiv. Kann es daher überhaupt noch überraschen, dass auch der Rekordchampion gedopt war? Es darf nicht mehr überraschen! Armstrong und weitere Kollegen wurden sogar vom internationalen Radsportverband UCI gedeckt, um das Image des Sports nicht weiter zu ramponieren.

Der Radsport ist zweifellos ein unsauberer Sport und ein höchst unmoralisches Geschäft. Doch wird das systematische Doping nicht durch die Rollen der Ärzte, Funktionäre, Betreuer, Verbände und Sponsoren überhaupt erst ermöglicht? Letztendlich müssen die Fahrer sich natürlich auch gegenseitig schützen und nach außen dicht halten. Nur in einem solch abgeschlossenen System ist Doping in diesem Ausmaß möglich. Und doch ist der Fahrer vermutlich das kleinste Rädchen in der Doping-Maschinerie. Entweder er versucht alles, um in die Weltspitze vorzudringen, oder er verschwindet wieder in der Versenkung.

Die Jagd auf den Rekordchampion gleicht einer Hexenjagd. In puncto Doping ist er eben nicht die erhoffte Ausnahme, sondern die Regel. Ja, Lance Armstrong war bei seinen Siegen gedopt. Seine ärgsten Konkurrenten jedoch ebenfalls. Armstrong war ein unglaublich ehrgeiziger Sportler, der sich nach einer schweren Krebserkrankung an die Weltspitze gekämpft hat. Allein das nötigt mir höchsten Respekt ab. Und während sich sein langjähriger Konkurrent Jan Ullrich die Weihnachtsgans schmecken ließ und Pfunde anfutterte, saß Armstrong längst wieder im Sattel und bereitete sich verbissen und akribisch auf die nächste Tour vor.

Man muss ihm auch zugutehalten, dass er seine Triumphe sowie seine Popularität stets für gute Zwecke nutzte. So hat seine Krebsstiftung Livestrong beispielsweise seit ihrer Gründung im Jahr 1997 bereits mehr als 470 Millionen Dollar an Spendengeldern gesammelt. Unvergessen ist auch seine sportliche Fairness, als er bei der Tour 2001 nach einem Sturz Ullrichs auf diesen wartete.

Armstrong war ein absoluter Ausnahmeathlet und seinerzeit schlicht der Beste in einem unsauberen Sport. In einem Spiel mit gezinkten Karten, gewinnt immer ein Falschspieler. Armstrong hat das Spiel gewonnen, aber er ist weder der Kartengeber, noch der Erfinder des Spiels. - Hate the sin, not the sinner!

Die wahren Schuldigen sind die Ärzte, die diese gefährlichen, verbotenen Substanzen entwickeln und den Sportlern verabreichen, die Funktionäre und Teammanager, die ihre Fahrer gleichermaßen ermutigen und decken, sowie die Sponsoren, die das Doping finanzieren.

Erbärmlich sind auch Armstrongs ehemalige Weggefährten, die nun für die Anklage auftreten. Sie alle hatten jahrelang die Möglichkeit, sich des Dopings zu verweigern und/oder die Schuldigen anzuklagen. Aber sie duckten sich lieber weg, machten mit und genossen es, in Armstrongs Schatten zu Ruhm zu gelangen. Armstrong jetzt ans Messer zu liefern, nur um die eigene Haut zu retten, ist feige und rückradlos.

Die entbrannte Hetzjagd auf Armstrong ist schlichtweg verlogen. Als versuchte man einer Hydra den Kopf abzuschlagen. Armstrong ist zweifellos eine Ikone des Radsports, aber vor und nach ihm gab es andere, die auf die gleiche unsaubere Weise triumphierten. Und sie alle hatten Komplizen und Hintermänner, die das Dopen ermöglichten, finanzierten und verschleierten. Das Wohl und Wehe des Radsports hängt also nicht von einem Schuldspruch Armstrongs ab.

Dienstag, 9. Oktober 2012

Gartennazis und Lärmterroristen

Der Herbst ist da, die Blätter fallen. Doch lange bleiben sie nicht liegen, denn schon marschiert die Laubbläser-SS wieder durch Garten- und Parkanlagen. Bis an die Zähne bewaffnet mit Sturmgewehren Sturmgebläsen. Unter einem Höllenlärm werden Blätter, Kleinstlebewesen und deren Kot durch die Luft gewirbelt und zusammengetrieben.

Mindestens dreimal pro Woche kommen die Krachmichel hier zum Einsatz, um das Laub durch Gärten und Straßen zu prügeln. Der Schalldruck prallt dann mit ca. 80 dB gegen die Fensterscheiben. Diesem Lärm kann man sich nicht entziehen. An ein konzentriertes Arbeiten ist nicht mehr zu denken.

Der Stresspegel steigt, das Blut kocht und man wünscht sich, man wäre dem Schießverein doch noch etwas länger treu geblieben... Der Lärmverursacher lacht sich indes ins Fäustchen. Er ist nicht nur autorisiert, die Nachbarschaft zu terrorisieren, er wird dafür sogar bezahlt.

In den sonst so freiheitlichen USA sind die Höllenmaschinen übrigens in einigen Gemeinden bereits seit den Siebzigern verboten. Kein Wunder, dort hat schließlich fast jeder eine entsprechende Gerätschaft im Besitz, die mit den Störenfrieden kurzen Prozess machte. Und bei einer solch penetranten Lärmbelästigung aus dem Nachbargarten – die dem Schallemissionswert eines startenden Flugzeugs entspricht – verliert man schnell mal die Contenance. Wer würde da nicht Amok laufen?

Dass die Nutzung dieser Maschinen nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten eine Farce ist und der Schaden den Nutzen bei weitem übersteigt, liegt auf der Hand. Die Motoren entwickeln gesundheitsschädliche und stinkende Abgase, Exkremente von Kleinstlebewesen werden aufgewirbelt und gelangen so in die Atemluft, von der enormen Lärmbelästigung für Mensch und Tier ganz zu schweigen.

Lärm macht krank, das ist bekannt. Er fügt dem Gehör irreparable Schäden zu, verursacht Tinnitus, Schlafstörungen und begünstigt stressbedingte Krankheiten. Nicht umsonst dürfen diese Krachmichel nur mit Gehörschutz betrieben werden. Aber denkt vielleicht auch mal jemand an die anderen Menschen und Tiere in der Umgebung?

In meinem Fall werden die Lärmterroristen wie erwähnt bezahlt. Und das sogar unter anderem von mir. Das liegt daran, dass ich in einem Wohngebiet lebe, in dem nahezu jeder Gebäudekomplex über einen Hausmeister- und Gartenservice verfügt. Ich zahle also durch eine Kostenpauschale in meiner Miete auch noch für diesen Lärmterrorismus. Willkommen in Absurdistan! Eigentlich wäre es angebracht, meine Miete aufgrund der Lärmbelästigung zu mindern.

Aber damit nicht genug. Die Blitzbirnen des Hausmeisterservices veranstalten den Krach das ganze Jahr über. Selbst dann, wenn gar keine Blätter fallen. Dann kehren" sie mit den Dingern eben die Straße und Parkplätze. Fegen 2.0 oder so ähnlich. Sie werden ja schließlich bezahlt und müssen einen Arbeitsnachweis erbringen.

Dass diese Vollpfosten von Hausmeistern ihre Arbeit vollkommen widersinnig, ja geradewegs lächerlich falsch ausführen, scheint niemanden zu interessieren. So blasen sie das Laub beispielsweise einfach in Beete oder auf Rasenflächen. Auf diese Weise kann man sicher sein, dass beim kleinsten Windstoß auch wieder genug „Arbeit“ anfällt und der nächste Einsatz gewiss ist. Auf den Parkplätzen wirbeln sie durch den Luftdruck kleine Steine auf und schleudern sie mit enormer Wucht gegen den Autolack. - Ihr dämlichen Vollidioten, dafür gehörtet ihr auf den Stuhl!!!

Ich habe es schon mehrfach geschrieben, dieses System ist krank! Ich werde gezwungen, Lärmterroristen dafür zu bezahlen, mein Gehör zu schädigen, mich zu stressen und krank zu machen. Als Bonus zerkratzen sie mir auch noch meinen Autolack. Alles muss umweltfreundlicher und leiser werden: Autos, Kühlschränke, Fernseher, aber die Waffen der Gartnennazis werden lauter und dürfen Mensch und Natur terrorisieren. Das bringt mich echt zur Weißglut!

Im Übrigen werden die ursprünglichen Tätigkeiten eines Hausmeisterservices gerne vernachlässigt. So wurde die seit einem Jahr defekte Außenbeleuchtung des Hauseingangs, trotz mehrfacher Hinweise, noch immer nicht instand gesetzt. Ebenso wenig wird der Parkplatz im Winter von Schnee befreit. Diesen geistig hungerleidenden Akustikterroristen gehört wirklich mal gehörig der Marsch geblasen.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Verehrung der Einfältigkeit

Wie schlecht muss es um eine Gesellschaft bestellt sein, in der ein äußerst einfältiger junger Mann über Nacht berühmt wird, weil er bei Günther Jauch auf dem Ratestuhl saß? Dabei fiel er nicht etwa durch Wissen, Witz und Charme auf, vielmehr sorgten seine Torheit und der mehr als nachlässige Umgang mit der deutschen Sprache für Fremdschämmomente.
Und doch begeistern sich plötzlich Tausende für einen Berliner Kiosk-Besitzer. Menschen wollen Autogramme und Fotos, keine Zeitung, die nicht über ihn berichtet, über 20.000 Likes auf Facebook und weitere TV-Auftritte bei „Stern-TV“, „Markus Lanz“ und demnächst auch noch bei „Wetten dass?“.

Paradoxerweise scheint die Attraktion selbst noch der normalste Mensch in diesem Zirkus zu sein, schließlich ist ihm der Hype um seine eigene Person völlig schleierhaft. Sicher, das könnte auch dem mangelnden Intellekt geschuldet sein, doch was die Selbsteinschätzung betrifft, hatte Aaron Troschke im Talk mit Lanz einen Moment erstaunlicher Klarheit: „Ich kann absolut gar nichts“.

Wie Recht er damit doch hat. Nur Dank Jauchs wohlwollender Hilfe kam der Berliner darauf, dass ein Tunnelzug gedacht ist, die Hose am Körper zu halten oder dass das Wort „ungemein“ synonym zu „äußerst“ und „enorm“ genutzt wird. Rechnen gehört ebenfalls nicht gerade zu den Stärken des Kiosk-Besitzers, setzte er doch 10/9 mit 90 Prozent gleich.

Das war dann auch gleichzeitig das Signal für mich – trotz Langeweile – abzuschalten. Reicht es nicht, dass man sich in diversen Casting-Formaten schon über die Dummheit und die Talentfreiheit von Menschen lustig macht? Sollte das Fremdschämen auch fester Bestandteil von Quizsendungen sein? Warum überhaupt glauben ungebildete Menschen, in einer Sendung, in der es um Quizwissen geht, punkten zu können?

Wieso begeistern sich Menschen und Medien für einen solchen Kreisligaverstand? Einst verlor er seinen Job, weil er in einem Getränkemarkt arbeitend Pfandbetrug beging, für eine Beute von drei Euro. Doch anstatt eine solche Dummheit zu tadeln, erntete Troschke Applaus vom Publikum. Ein anderer Talkgast kommentierte die Aktion des Pfandbetrugs gar als „clever“. Und das frei von jeglicher Ironie!

Als wäre es nicht dumm genug, seinen Arbeitgeber zu betrügen und einen Jobverlust wegen drei Euro zu riskieren, war er ja auch noch so dumm, sich dabei erwischen zu lassen. Nein, „clever“ war das nun wirklich nicht und Beifall hat eine solche Handlung erst recht nicht verdient! Ebenso wenig Troschkes letzter Facebook-Post. Wie kann man die deutsche Sprache nur so vergewaltigen? Rechtschreibung ist doch kein Open Source Programm!

Eine Gesellschaft, die Dummheit und Einfältigkeit preist, ist krank. Sie suggeriert, dass es sich dabei um wünschenswerte Zustände handelt und setzt damit gefährliche und kontraproduktive Reize. Andererseits verleitet sie gebildete Individuen dazu, sich angewidert von der Gesellschaft abzuwenden. Womöglich schwebte Goethe eine solche Gesellschaft vor, als er Mephisto sagen ließ: „[...] alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

Dienstag, 18. September 2012

Mein schlechtes Karma

Wer kennt sie nicht? Tage, an denen einfach gar nichts klappt. Murphys Gesetz besagt: Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen. Oh und wie es schief geht, aber lassen wir den Tag in chronologischer Reihenfolge Revue passieren.

Heute Morgen entschied ich mich, ob des schönen Wetters das Rad zu nehmen. Wie sich erahnen lässt, kam ich nicht weit. Plötzlich fand keine Kraftübertragung mehr statt. Ich vermutete, dass die Kette abgesprungen war. Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt. Das kleine Umlaufrädchen für die Kette am hinteren Rad hatte sich verabschiedet. Das Rädchen konnte ich auf dem Rückweg wiederfinden, die Schraube aber blieb unauffindbar.


Okay, das Rad ist uralt und ein Billigfabrikat, aber das musste jetzt doch nun wirklich nicht sein. Gegen Abend wollte ich – wie es sich für einen pflichtbewussten Bürger gehört – mein Altglas in einem Container entsorgen. Dort angekommen, wie könnte es anders sein, fand ich völlig überfüllte Container vor. Das Glas quoll praktisch über, vor den Containern standen unzählige weitere Flaschen und Gläser, umringt von Scherben.

Wie gesagt, ich bin ein pflichtbewusster Bürger. Also habe ich mein Glas wieder mitgenommen. Aber nicht ohne einen verächtlichen Blick gen Himmel zu schicken. Stunden später brauchte ich Briefmarken. Ein reines Ärgernis, warum kann man nicht alles per E-Mail machen? Und das Handyporto ist unverschämterweise auch noch wesentlich teurer als klassische Briefmarken.

Also Post-App gestartet und nach Briefmarkenautomaten in der Nähe gesucht. Wir erinnern uns, das Fahrrad ist defekt und zum Laufen war es mir nun zu weit. Dritter Anlauf, dritte Fortbewegungsart. Dieses Mal sollte mich das Auto ans Ziel führen. Ich erreichte den Automaten unbeschadet, wollte mein Geld in den Münzschlitz werfen und musste feststellen, dass mir das nicht möglich war. Ganz toll! Wie naiv von mir zu glauben, der Automat könnte seine ihm bestimmte Funktion erfüllen. Bald darauf erblickte ich auf dem Bildschirm die Fehlermeldung: „Bargeldzahlung zur Zeit nicht möglich.“

Per App ließ ich mir den nächsten Automaten anzeigen. Zwei Kilometer weiter stand ich vor der nächsten gelben Teufelsmaschine. Und was soll ich sagen? Natürlich verspürte ich ein Unbehagen, so ein komischen Ziehen in der Magengrube, eine üble Vorahnung. Zwar passierten meine Münzen den Schlitz, aber leider nicht nur den. Kling, kling, kling, jede Münze fiel prompt durch. Wider besseren Wissens rieb ich die Münze am Metall und versuchte es erneut – natürlich vergeblich. Egal ob 5, 10, 50 Cent oder Euro-Münze, nichts, was der Automat nicht wieder ausspuckte.

Völlig entnervt und frustriert zog ich unverrichteter Dinge von dannen. Faustballend gen Himmel fluchend. Ihr verdammten... ach wer oder was auch immer: Fickt euch!!!

Donnerstag, 13. September 2012

Die Wulff im Schafspelz

Ja werden wir die denn nie mehr los? Diese Frage mag man sich angesichts der Berichterstattung der letzten Tage stellen. Nach Christian Wullf dominiert nun seine Frau Bettina die Schlagzeilen. Da ist mir ja fast die omnipräsente Knallcharge Heidi Klum mit der nicht enden wollenden Posse um ihr Privatleben noch lieber als die Wullfs.

Was nehmen die sich eigentlich raus? Haben die Deutschlands politisches Ansehen nicht schon genug besudelt und die eigene Bevölkerung noch nicht ausreichend brüskiert? Reichen 200.000 Euro Ehrensold etwa immer noch nicht aus, um sich aus der Öffentlichkeit rauszuhalten? Mit einem solchen Ruhegeld sollte der Jahresurlaub doch gesichert sein. Fortan muss sich die Familie nicht mehr bei „befreundeten“ Unternehmern auf Mallorca einquartieren. Dem Steuerzahler sei Dank!

Aber statt sich beschämt zurück zu ziehen, packt Bettina jetzt aus. Nein, nicht die Brüste. Fettes Brot hat den Song nicht für Frau Wulff geschrieben. Aber wer weiß, eine gehäufte Anzahl von Suchanfragen bei Google und diese Verknüpfung könnte vielleicht bald sogar als Autovervollständigung auftauchen.

Frau Wulff hat also ein Buch geschrieben schreiben lassen. Keine sechs Monate nach dem Rücktritt ihres Mannes, kommt nun endlich die ganze Wahrheit auf den Tisch. Na klar. Wenn nicht schon die Rekordzeit, in der das Buch entstanden ist, misstrauisch machen sollte, dann das Bunte-Image der Wullfs.

Während seiner Amtszeit klapperte Christian Wulff lieber medienwirksam die roten Teppiche der Republik ab, als sich zu politischen Themen zu äußern. Im Nachhinein war das aber vielleicht auch besser so. Denn wenn er doch einmal politische Reden hielt, dann hieß er beispielsweise völlig unreflektiert den Islam in Deutschland willkommen.

Was also sollte man jetzt von Bettina Wullf erwarten? Na, dass sie sich für den Erfolg ihres Buches anbiedert und hemmungslos verkauft. Möglicherweise bezieht sich Googles Autovervollständigung ja auch darauf. Jedenfalls hat Frau Wulff kürzlich Klage gegen Google und auch Günther Jauch eingereicht. Dass sie damit den Klagegegenstand überhaupt erst in den öffentlichen Fokus zerrt, dürfte ihr gar nicht ungelegen kommen.

Wer glaubt denn tatsächlich, dass sie ihr Image „reinwaschen“ will? Es geht um pure Aufmerksamkeit. Any publicity is good publicity. Das weiß auch die PR-Beraterin Wulff. Und so dürfte das mediale Echo die Buchauflage steigern und die wulffsche Kasse wieder klingeln lassen. Irgendwie sind die Wullfs so etwas wie die Beckhams von Großburgwedel. Bekannt wie ein bunter Hund und keiner weiß so recht warum.

Donnerstag, 6. September 2012

Precht – Eine ZDF-Inszenierung des Gala-Philosophen

Am Sonntag startete das ZDF seine neue Philosophie-Talk-Reihe mit Richard David Precht. Selbstverständlich nicht, ohne große Ankündigungen und Vorschusslorbeeren für den Bestsellerautor. Das Thema der ersten Sendung wirkte nicht weniger hochtrabend und reißerisch: „Skandal Schule – Macht Lernen dumm?“

Was Precht und das ZDF dem Publikum dann boten, waren jedoch Plattitüden und Parolen auf Stammtischniveau. 45 Minuten, in denen Precht und sein Talkgast, der Hirnforscher und Schulkritiker Gerald Hüther, vorformulierte Sätze wiedergaben und sich gegenseitig in ihrer vorgefertigten, undifferenzierten Meinung bestätigten. Die ganze Sendung stand im krassen Widerspruch zur geäußerten Kritik. Kreativität, Originalität und Frische fehlen offenbar nicht nur im Schulsystem, sondern in eklatanter Weise auch in Prechts eigener Sendung.

Zu leblos, zu gewollt, zu inszeniert war der Talk, als dass er es vermocht hätte, zu inspirieren. Alternative Ideen zum System oder gar Lösungen hatten die beiden nicht parat. Das Konzept der Sendung erinnerte eher an eine amerikanische Wahlkampfveranstaltung als an philosophische Gedankenspielchen. Der politische Gegner wird hemmungslos mit Schmutz beworfen, in der Hoffnung, sich beim Wähler auf diese Weise zu profilieren und in dessen Gunst besser zu stellen. „Negative Campaigning“ nennt sich diese Strategie - müßig zu erwähnen, dass es die primitivste und niederträchtigste Form des (Wahl)Kampfs ist.

In den Augen der beiden Chefkritiker hat das deutsche Schulsystem in dieser Form keine Zukunft. Potentiale der Kinder würden nicht nur nicht gefördert, sie würden sogar zerstört. Auch Kreativität und selbstständiges Denken seien unerwünscht. Ein solches System könnten wir uns gar nicht länger leisten, da das Lernen keinen Spaß machte und das Gelernte aufgrund fehlender emotionaler Verknüpfungen auch schnell wieder in Vergessenheit gerate. Vermittelt würden die falschen Inhalte von den falschen Leuten.

Hüther wartete sogar mit der äußerst eigenwilligen These auf, jedes Kind sei auf seine eigene Weise hochbegabt. Endgültig disqualifizierte er sich aber, als er eine Kausalität zwischen dem Schulsystem und Alkoholismus ausgemacht haben wollte. Von der Wissenschaft hatten sich Precht und Hüther zu diesem Zeitpunkt bereits meilenweit entfernt. Überhaupt, hatten sie es zu keiner Zeit darauf abgesehen, das Thema sachlich korrekt zu analysieren. Der interessierte Zuschauer wünschte sich verzweifelt ein Gegengewicht zu dieser einseitigen und oberflächlichen Systemschelte, wurde aber nicht erhört.

Das deutsche Schulsystem ist sicherlich reformbedürftig. Aber zunächst einmal muss doch die Frage gestattet sein, warum Änderungen nötig sind. War das Schulsystem immer schlecht? Wie ist es möglich, dass Deutschland trotz eines solchen Schulsystems z.B. eine Spitzenposition bei der Anmeldung von weltmarktrelevanten Patenten innehat? (Im Vergleich zu den USA sind es sogar doppelt so viele pro Einwohner)

Das System hat der Gesellschaft in der Vergangenheit also durchaus gute Dienste geleistet. Sind möglicherweise veränderten Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass heute 5-10% der Schulabgänger ohne Abschluss bleiben? Vielen Schulanfängern fehlt es mittlerweile an den elementarsten Dingen: Erziehung und Sprachkenntnissen. Erziehung ist das Fundament jeglicher Bildung. Ist ein Kind nicht beschulbar, wird es die Grundlagen nicht erlernen können und jede höhere Bildung wird ihm verwehrt bleiben.

Ein bekannter Hundetrainer sagte kürzlich, dass man einem Hund kaum Schlimmeres antun könnte, als ihn nicht oder nur unzureichend zu erziehen. Der Hund wäre völlig unfrei, müsste ein Dasein an der Leine und im heimischen Umfeld fristen. Beim Menschen ist das kaum anders. Ein Kind, das keine vernünftige Erziehung genossen hat, nicht gelernt hat zu gehorchen, Autoritäten und andere Menschen zu akzeptieren, wird ebenfalls die Freiheit versagt bleiben, sich entfalten zu können.

Doch kann die Schule überhaupt mögliche Versäumnisse in der Erziehung und Lücken in der Primärsozialisation kompensieren? Die Primärsozialisation ist mit emotionaler Identifikation verbunden und daher prägender und tiefer verwurzelt als die sekundäre Sozialisation. Möglichkeiten der Schule, korrigierend einzugreifen sind also zumindest limitiert.

Schule sollte Anleitung zur Selbstbildung sein, darin waren sich immerhin auch die beiden Chefankläger einig. Dazu ist aber das Erlernen von Lese- und Rechtschreibkompetenzen sowie mathematischer Grundlagen unerlässlich. Und gerade diese Fähigkeiten eignet man sich nur durch ständiges repetieren an. Man kann den Kindern das Erlernen dieser Kompetenzen nicht freistellen. An dieser Stelle ist kein Raum für Kreativität. Eine Anleitung durch einen Lehrer ist hier wenn nicht notwendig, so doch zumindest sinnvoll.

Kinder müssen auch Kinder sein dürfen. Man sollte sie nicht mit den Problemen der Erwachsenen belasten. Das sind zwar auch Plattitüden, ich versuche jedoch, sie in den folgenden Sätzen mit Bedeutung zu füllen. Es dauert sehr lange, bis ein Kind selbst entscheiden kann, was gut für es ist. Und bis es soweit ist, müssen Eltern und Lehrer dies bestimmen. Kinder haben kein Selbstbestimmungsrecht und müssen auch nicht jede Erfahrung „selbstständig“ machen. Oder sollte ein Kind etwa selbst herausfinden, wie es am besten eine befahrene Straße überquert? Das Kind, dem das Überqueren beigebracht wurde, dürfte einen entscheidenden evolutionären Vorteil gegenüber anderen haben – es lebt!

Wenn der Grundstein zur Selbstbildung gelegt wurde, ist freilich ein selbstständigeres, kreativeres Lernen möglich und auch wünschenswert. Bis dahin ist es jedoch ein weiter und beschwerlicher Weg. Und um auf einem Gebiet herausragende Leistungen abrufen zu können, sind ständiges Training und unzählige Wiederholungen erforderlich.

Philosophisch war der neue Spät-Talk im ZDF wahrlich nicht. Doch Precht ist längst im Boulevard angekommen, hat es sich im Fernsehen gemütlich gemacht und lacht von Hochglanzseiten. Precht, das ist vor allem eine Marke. Ein Produkt der Kulturindustrie, das sich dem Publikum anbiedert und nach dessen Aufmerksamkeit und Anerkennung giert.
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