Die Nachricht von seinem Tode war stark übertrieben. Wir schreiben das Jahr 2011 und Adolf Hitler erfreut sich bester Gesundheit. Wie ein Terminator, durch Zeit und Raum geschickt, erwacht er in einem Berliner Hinterhof, um die Zukunft zu verändern. Es muss Vorsehung sein. Nach kurzer Eingewöhnungszeit schickt sich der Führer an, die Macht erneut zu ergreifen.
Mit der Zeit muss Adolf Hitler jedoch feststellen, dass sich in seiner 66 Jahre währenden Abwesenheit so einiges verändert hat. An Kiosken werden türkische Zeitungen verkauft, die Blitzreinigung heißt „Yilmaz“ und die Sprachkenntnisse der Jugend gleichen „einem Sprachverhau, von geistigem Stacheldraht durchzogen, von mentalen Granaten zerpflückt wie die Schlachtfelder der Somme.“
Es ist herrlich erfrischend, wie der Führer sich durch das Fernsehprogramm zappt und aus lauter Zorn über den gezeigten Wahnsinn, die Lust verspürt, mit der Flak mal ordentlich in das versammelte Lügengesindel eines Shoppingkanals hineinzuhalten. Und als ihm auf einem anderen Kanal zum wiederholten Male eine Stimme die Ereignisse der letzten fünf Minuten um die Protagonisten Cindy und Mandy zusammenfasst, schreit er den Fernseher an: „Ich bin doch nicht senil!“
Der erbärmliche Zustand des deutschen Volkes, der Medienlandschaft und der Politik, lassen für Hitler nur einen Schluss zu: Es bedarf der messerscharfen Analytik, der weitsichtigen Politik, der Erfahrung und der Herrschaft des Führers! Wer sonst sollte das deutsche Volk erretten? Etwa die klobige Kanzlermatrone „mit der zuversichtlichen Ausstrahlung einer Trauerweide“?
Über eine Ethno-Comedy-Sendung im Fernsehen bahnt sich der Führer seinen Weg zurück an die Spitze. Er verstand es schon einmal, das Volk hinter sich zu bringen. Warum sollte das nicht acht Jahrzehnte später erneut funktionieren?
Man sagt, der Unterschied zwischen einer Tragödie und einer Komödie, sei der Zeitfaktor. Und tatsächlich ist dieser Führer eine herrlich schräge Figur, die mit ihrer eigenen Logik, einer hervorragenden Rhetorik sowie exzellenter Menschenkenntnis und –führung besticht. Er spricht aus, was viele denken und wenn er mal wieder über das Ziel hinausschießt, so wird es ihm nachgesehen, weil er es schließlich in seiner vermeintlichen Rolle des Führers, als Kunstfigur, sagt.
Sein anfängliches Ansinnen, die Medien gleichzuschalten, verwirft der Führer schnell. Diese Medienlandschaft bedarf keiner Gleichschaltung. Die (freiwillige) gegenseitige Bespiegelung der Medien erfüllt den gleichen Zweck. Selbst die anfängliche Empörung der Bild-Zeitung über die geschmacklosen Hasstiraden des neuen Hitlers, nutzt dieser geschickt aus und enttarnt die Bild schließlich als das heuchlerische Schmierenblatt, das es ist.
Ein Höhepunkt ist zweifellos der Besuch der NPD-Parteizentrale. Holger Apfel und seine Anhängerschaft treiben dem Führer die Zornesröte ins Gesicht. Er bezeichnet die ganze Partei als „einzige Schande für das deutsche Volk“ und resümiert für die anwesenden Reporter: „Ein anständiger Deutscher hat hier nichts verloren.“ Und auch wenn der Führer es sicherlich anders gemeint hat, in der Sache mag man ihm hier gerne beipflichten.
Der Klappentext ist durchaus als Warnung zu verstehen. Tatsächlich ertappt sich der Leser dabei, wie er nicht über Hitler, sondern mit ihm lacht. Mehr noch, die Figur des Führers wirkt derart sympathisch, dass die Historizität der Verbrechen Adolf Hitlers in Vergessenheit zu geraten droht. Doch glücklicherweise hat Timur Vermes die wahnwitzige Rassenlehre, das menschenverachtende Weltbild und den Rassenhass seines Protagonisten nicht ausgespart.
Ein Kunstgriff des Autors, der dem Leser eine allzu große Identifikation mit der Figur unmöglich macht. Dem Führer selbst schaden seine Ansichten indes nicht, da im Kosmos des Romans niemand vermag, seine wahren Bestrebungen und Motive zu erkennen. Jeder hält ihn für eine schrullige Kunstfigur mit verblüffender Authentizität. Auf diesem Irrtum beruhen unzählige komische Situationen.
„Er ist wieder da...“ ist eine bitterböse Satire, die diese Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Nun mag man sich sicher fragen, ob es tatsächlich der Figur Adolf Hitlers bedarf, um uns den Spiegel vorzuhalten. Und darf man überhaupt mit dieser Figur sympathisieren? Sicherlich hätte jeder andere intelligente Zeitreisende ebenso gut für eine solche Gesellschaftspersiflage herhalten können, der Führer aber verleiht dem Ganzen eine unnachahmliche humoristische Note.
Timur Vermes Erstlingsroman überzeugt auf ganzer Linie. So absurd die Handlung auch erscheinen mag, sie wirkt nie zu gestelzt und verkommt auch nicht zu reinem Klamauk. Die Komik basiert hier nicht etwa auf einer Verballhornung Hitlers - wie es in der Comedy-Welt schon fast üblich ist - sie entsteht durch die Interaktionen des Protagonisten mit seiner neuen Umwelt. Darüber hinaus gewinnt die Figur des Führers durch die zahlreichen historischen Rekonstruktionen enorm an Tiefe.
Die subtile, spitzzüngige, humoristische Form der Gesellschaftskritik macht „Er ist wieder da...“ zu einem heiteren Lesevergnügen.
Prädikat: absolut lesenswert
